Ein schöner Artikel über die USA-Wahlen von unserem Abteilungsmitglied Alan Benson

Donnerstag, 17. März 2016 geschrieben von  Freigegeben in Startseitenartikel

WER BESTIMMT DEN US-WAHLKAMPF? 

Alan Benson

Vor lauter Facebook-Likes und Online-Petitionen vergessen die Wähler, was ihre Stimmabgabe bedeutet

Trump, Cruz, Sanders - Wie kam es dazu, dass so extreme Kandidaten bei diesen US-Wahlen so aussichtsreich sind? Mitschuld sind auch die sozialen Medien: Per Smartphone und Facebook-Like kann man heute schnell, jederzeit und vor allem: unbedacht abstimmen. Darüber vergessen die Amerikaner, was ihre Stimmabgabe bedeutet. Ein kritischer Blick von Alan Benson auf Kandidaten und Wähler im US-Wahlkampf.

Amerikanische Kinder lernen früh in der Schule, dass jeder einmal Präsident werden kann. Wenn man sich bestimmte Kandidaten bei der Präsidentschaftsvorwahl anschaut, kann man hämisch ein “leider“ hinzufügen. Bei den letzten Wahlzyklen wiederholten die Demokraten mantraartig, dass die jeweilige Wahl die wichtigste unserer Zeit sei. Diesmal könnte das tatsächlich zutreffen. Nicht allzu lange ist es her, dass die Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern wenig signifikant waren. Man tendierte zur Mitte und das Washingtoner Establishment verhinderte Ausreißer. Heute erleben wir jedoch ein breites Spektrum an Kandidaten, die es zwar früher auch gab, es aber nie so weit gebracht haben.

Woher kommt dieser Wandel? Und warum war er unausweichlich? Um die Antwort zu finden, muss man zuerst einen Blick auf die politischen Anfänge der Vereinigten Staaten werfen. Vor gut zweihundert Jahren hatte die junge Republik die fortschrittlichste Regierungsform der Welt. Aufgrund der riesigen Entfernungen und des föderativen Systems etablierte sich ein Zweiparteiensystem, in dem Stimmen für eine unterlegene Partei - national gesehen - verloren gingen. Deshalb konzentrierten sich Wahlen eher auf eine Person statt auf eine Partei, wie in den Parlamenten, die sich in Europa in den darauffolgenden hundert Jahren entwickelten. Dem amerikanischen System steht eine solche Reform noch bevor.

Durch die Möglichkeit, ständig an Online-Abstimmungen teilzunehmen, vergessen Wähler, wie bedeutend ihre Stimme ist

Hinzu kommt der eigentümliche amerikanische Charakter, der von Mut und Abenteuerlust geprägt ist. Schließlich ist Amerika das Land der Auswanderer, der Goldgräber und Glückssucher. Der erfolgreiche Streber ist der Held der Nation, in der scheinbar grenzenloses Emporkommen möglich ist - sogar bis zum Weißen Haus. Ein weiterer, recht neuer Faktor für den Wandel und den Erfolg extremer Kandidaten, ist der Einfluss von Massenmedien und sozialen Medien. Es ist äußerst einfach, per Telefon über Showkandidaten in Fernsehsendungen abzustimmen, an diversen Online-Petitionen und -Umfragen teilzunehmen und Social Media-Kampagnen anzuklicken und zu „liken“. Nicht professionelle Experten urteilen über Talent, Eignung und letztlich den Erfolg einer Person, sondern eine Masse, die sich keine Gedanken über Konsequenzen macht, wenn sie ad hoc emotional ein Urteil fällt. So verflacht das Wahlerlebnis und damit die Verantwortung. Die Ernsthaftigkeit der Wahl eines Präsidenten geht verloren.

Ein Präsident muss bestimmte hohe, gar elitäre Qualifikationen haben - das begreifen die Trump-Fans nicht

Dies nützt Donald Trump, der das Ideal eines gewöhnlichen US-Bürgers darstellt. Klar, er hat zig-mal mehr Geld als der normale Amerikaner, aber er verkörpert mit seinem Erfolgswillen und seiner ungezügelten Zunge das, was ein „gemeiner“ Amerikaner sein möchte; „gemein“ ist hier durchaus im doppelten Sinne zu verstehen. Seine Popularität verwundert insofern nicht, als er das Spiegelbild für viele ist, denen eine aufregende Persönlichkeit das Wichtigste und ein Parteiprogramm lästig und unverständlich ist. Diese Wähler begreifen leider nicht, dass ein Präsident nicht sein kann wie du und ich, sondern bestimmte hohe, gar elitäre Qualifikationen haben muss.

Wie sehen nun die Chancen aus für diesen „gemeinen“ Kandidaten nach dem Super-Dienstag-Wahltag, auch im Vergleich mit den anderen Kandidaten? Nicht besonders gut, aber auch nicht aussichtslos. Das Ergebnis hat interessanterweise eine recht balancierte und dadurch umso spannendere Situation bestätigt. Meinungsumfragen zeigen eine konstante Tendenz, in der Trumps Beliebtheitswerte zwar hoch sind, aber insgesamt unter 50 % bleiben. Er sammelt dadurch zwar viele Delegierte und ist der stärkste Kandidat, doch wenn seine Gegner im Spiel bleiben, wird ihm die absolute Mehrheit verwehrt.

An dieser Stelle ein kurzer Blick auf seine zwei wichtigsten Gegenkandidaten: die Senatoren Ted Cruz und Marco Rubio. Sie teilen sich in etwa die restliche Hälfte der Stimmen. Man muss schon recht genau hinsehen, um zu erkennen, wodurch die beiden sich unterscheiden. In den Debatten, die man bisher von den republikanischen Kandidaten erlebt hat, war nicht zu überhören, wie sie versuchen sich gegenseitig rechtsaußen zu überholen, z.B. in Bezug auf Abtreibung, Waffenbesitz und Homo-Ehe. Der eher väterliche Ted Cruz spricht jedoch zusätzlich besonders ultra-konservative christliche Wählerkreise an. Der nur ein Jahr jüngere Marco Rubio ist im Vergleich etwas gemäßigter, er schlägt sogar bezahlte Elternzeit vor, wie man seinem Wahlprogramm entnehmen kann. Bei den anderen findet man eher lose Absichtserklärungen. Detaillierte Pläne gibt es dagegen zu Steuerreduzierungen, auch bei Trump. Marco Rubio kann man zugute halten, dass er sich wortgewandt auf Rededuelle mit dem Großmaul Trump einlässt.

Stimmen bekommen außerdem der Gouverneur John Kasich und der Chirurg Ben Carson. Kasich ist zwar der einzige, der vorzeigbare Regierungserfahrung hat, aber er kann sich nicht profilieren. Carson war mal so populär wie Trump, aber nachdem er sich diverse Verrücktheiten erlaubte, wird er von vielen nicht mehr ernstgenommen.

Trumps Verrücktheiten dagegen kommen bei den Wählern gut an. Sie waren sogar der Grund dafür, dass er den moderateren Gouverneur Chris Christie ausstach, der mittlerweile als Opportunist verschrien ist. Eigentlich kann Hillary Clinton froh sein, dass Bernie Sanders ihr auf den Fersen ist, wie das Ergebnis des Super Tuesday bestätigte. Sie muss aktiv ihr umfangreiches Programm bewerben, um den Vorsprung zu halten. Wie bei den Konservativen konkurrieren auch bei den Demokraten die Idealisten an den Rändern mit den erprobten Pragmatikern. Sanders kann hier und da eine Mehrheit einsammeln, da er aber in seinem wichtigen Nachbarstaat Massachusetts verloren hat, zeichnet sich ab, dass er die absolute Mehrheit wohl nicht schaffen wird. Trotzdem hat er geschworen, im Rennen zu bleiben. Wo andere Kandidaten ausscheiden, weil wichtige Geldgeber wegbrechen, braucht er sich dank stetiger Beiträge von zahllosen Kleinspendern keine Sorgen zu machen. 

Wenn Trump die absolute Mehrheit verwehrt bleibt, könnte er als unabhängiger Kandidat erneut durchstarten

Spannend wird es schließlich auf dem Parteikonvent der Republikaner. Zwar gibt es die Idee, dass Rubio oder Cruz vorher aussteigt und dem anderen seine Wahlmänner vermacht, aber so verzweifelt ist die Partei noch nicht. Dies wird - vorausgesetzt Trump bekommt nicht die absolute Mehrheit - eher nach mehreren Wahldurchgänge auf dem Konvent geschehen. Zur Not werden die Stimmen der Parteifunktionäre nachhelfen. Eine solche Schlappe wird Trump womöglich nicht hinnehmen und als unabhängiger „gemeiner“ Kandidat erneut durchstarten.

 

Von: Alan Benson

Alan Benson engagiert sich für die "Democrats Abroad", die Vertretung der Millionen von Mitgliedern der demokratischen Partei, die im Ausland leben.

Quelle des Artikels: https://causa.tagesspiegel.de

 

 

Gelesen 806 mal Letzte Änderung am Montag, 21 März 2016 14:47
Musa Diwell

Als Mediengestalter für Digital- und Printmedien und SPD Mitglied der Abteilung Seenplatte bin ich für den Inhalt dieses Internetauftritts verantwortlich. Konstruktive Kritik und / oder Verbesserungsvorschläge nehme ich sehr gerne entgegen. Fühlt euch frei und schreibt mir, was ihr über diese Internetseite denkt.

Webseite: www.spd-seenplatte.de/

Register zur Erfassung rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle in Berlin / Steglitz-Zehlendorf

Das sozialdemokratische Nachrichtenportal